Wenn Literatur fordert: Überschätzen wir ihre Schwierigkeit?

Über verschobene Maßstäbe und die Verwechslung von Anspruch mit Schwierigkeit

Es gehört inzwischen fast schon zum festen Repertoire der Literaturkritik: Ein Roman gilt als „schwierig“, sobald er mehr als eine Handvoll Figuren führt, Zeitebenen wechselt oder historische Zusammenhänge nicht didaktisch ausbuchstabiert. Dimitré Dinevs „Zeit der Mutigen“ ist ein gutes Beispiel für diese Verschiebung. Das Buch wird häufig als fordernd sowie komplex oder schwer zugänglich beschrieben. Das ist eine Einschätzung, die weniger über den Text selbst aussagt als über unsere heutigen Lesegewohnheiten.

Dabei ist der Roman, nüchtern betrachtet, klar gebaut. Er arbeitet mit einer überschaubaren Anzahl an Erzählsträngen und bleibt sprachlich verständlich. Verzichtet auch vollständig auf formale Experimente. Wer epische Literatur kennt, findet sich mühelos zurecht. Verglichen mit klassischen Maßstäben – man denke nur an Tolstois „Krieg und Frieden“ mit seinem kaum zu überblickenden Figurenkosmos, seinen historischen Exkursen und philosophischen Abschweifungen – wirkt Dinevs Werk eher konzentriert als überfordernd. Und doch wird es häufig als Zumutung wahrgenommen.

Das Problem liegt nicht im Text, sondern im Maßstab. Literarische Anstrengung wird heute oft mit literarischer Schwierigkeit verwechselt. Ein Roman, der Aufmerksamkeit verlangt, wird schnell als elitär etikettiert. Nicht, weil er unverständlich wäre, sondern weil er sich der Erwartung widersetzt, jederzeit nebenbei konsumierbar zu sein. Anspruch wird dabei nicht mehr als Einladung verstanden, sich einzulassen, sondern als Hürde, die möglichst niedrig gehalten werden soll.

Hinzu kommt eine veränderte Literaturvermittlung. In Schule, Feuilleton und Marketing wird Literatur zunehmend defensiv präsentiert. Statt Leserinnen und Leser an Komplexität heranzuführen, wird vor ihr gewarnt. Begriffe wie „fordernd“ oder „schwierig“ dienen dabei weniger der Beschreibung als der Absicherung. Dieses man entschuldigt sich schon vorab, dass ein Text Konzentration verlangt, ist bedenklich. Das senkt nicht nur die Erwartungshaltung, sondern verschiebt langfristig auch das Verständnis dessen, was als „normal“ gilt.

Dinevs Roman macht diese Entwicklung besonders sichtbar. „Zeit der Mutigen“ erzählt von Diktatur, Migration und europäischer Geschichte, ohne den Leser zu belehren. Er erklärt nicht alles, aber er verschleiert auch nichts. Wer bereit ist, Zusammenhänge mitzudenken, wird nicht überfordert, sondern reich belohnt. Wenn schon diese Einladung zur Aufmerksamkeit als Schwierigkeit gilt, liegt das Problem nicht im oder am Text.

Dabei geht es nicht um kulturelle Überheblichkeit oder die Abwertung anderer Leser. Nicht jeder muss Tolstoi gelesen haben, um Literatur genießen zu können. Doch wenn bereits überschaubare narrative Komplexität als problematisch gilt, verliert Literatur einen Teil ihrer eigentlichen Funktion. Also Räume, in dem Denken, Erinnern und Verstehen Zeit brauchen dürfen.

„Zeit der Mutigen“ ist kein leichtes Buch, aber es ist auch kein schweres. Es ist ein Roman, der Konzentration verlangt und Vertrauen in die Fähigkeiten seiner Leser setzt. Vielleicht überschätzen wir heute nicht die Schwierigkeit solcher Bücher, sondern unterschätzen unsere eigene Fähigkeit, ihnen zu folgen. Anspruch wird dann nicht mehr als Stärke wahrgenommen, sondern als Störung eines Lesens, das vor allem bequem sein soll.

Gerade deshalb sollte der Maßstab überprüft werden. Nicht jeder Text muss leicht sein. Aber vieles, was heute als schwierig etikettiert wird, ist vor allem ungewohnt in einer Zeit verkürzter Aufmerksamkeitsspannen. Wenn Literaturvermittlung Komplexität vorsorglich relativiert, verschiebt sich unmerklich auch das Verständnis dessen, was als literarische Qualität gilt. Anspruch erscheint dann nicht mehr als Möglichkeit, sondern als Risiko. Umso mehr wäre es Aufgabe des Feuilletons, erzählerische Dichte nicht zu problematisieren, sondern als selbstverständlichen Ausdruck literarischer Qualität zu erkennen.

Diesen Text habe ich aus Anlass geschrieben, weil mich die Kritiken zu Dimitré Dinevs „Die Zeit der Mutigen“ etwas irritiert zurückgelassen haben. Gleichzeitig passt das Thema zum aktuellen Zeitgeist und unserer verkürzten Aufmerksamkeitsspanne durch die Sozialen Medien. Gerade deshalb sollte Literaturkritik und das Feuilleton gute Literatur angemessen analysieren können. Ich selbst habe Dinevs Buch geradezu verschlungen und es war ein literarischer Genuss, es zu lesen. Wer möchte, kann hier meine ausführliche Buchrezension zu „Die Zeit der Mutigen“ nachlesen.


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