Die Tote von Sant Andreu

Der Roman „Die Tote von Sant Andreu“ von Peter Henning ist ein psychologisch geprägter Gegenwartsroman mit Thriller-Elementen. Nach einem Terroranschlag in Barcelona stellt das Buch die Frage, wie gut wir die Menschen kennen, die uns am nächsten stehen.

Im Mittelpunkt steht ein deutscher Literaturdozent, der mitten in einer Vorlesung die Nachricht erhält, dass seine Zwillingsschwester bei einem Anschlag in der Metro von Barcelona ums Leben gekommen ist. Der Anschlag wird dem IS zugeschrieben und fordert zahlreiche Opfer. Für ihn bricht eine Welt zusammen und noch am selben Tag reist er nach Barcelona. Um zu verstehen, was passiert ist und wie seine Schwester dort gelebt hat.

Vor Ort rekonstruiert er ihr Leben Schritt für Schritt. Je mehr er herausfindet, desto widersprüchlicher wird sein Bild von ihr. Die Wohnung wirkt leer und fremd. Dazu deutet vieles auf eine mögliche Radikalisierung hin. Auch die Polizei spricht von „dunklen Flecken“ in ihrem Leben und die Gewissheit, dass sie nur ein Opfer war, beginnt zu bröckeln.

Besonders verstörend wird die Situation, als ein Foto auftaucht, das sie verschleiert mit einem Baby im Arm zeigt und neben ihr ein bewaffneter Mann. Ab diesem Moment stellt sich nicht mehr nur die Frage, wer sie war, sondern auch, ob sie Teil eines extremistischen Netzwerks gewesen sein könnte.

Im Zentrum steht damit weniger der Anschlag selbst, sondern die schrittweise Verschiebung des Bildes von einer geliebten Person hin zu einer möglichen Fremden. Die Geschichte wird so zu einer intensiven Auseinandersetzung mit Identitäten sowie Erinnerungen und der Frage, wie gut man Menschen wirklich kennt — selbst in der eigenen Familie.

Barcelona spielt dabei eine wichtige, aber eher zurückhaltende Rolle. Die Stadt wird nicht nur als Kulisse verwendet, sondern als Ort, an dem sich persönliche und politische Ebenen überlagern. Zwischen Metrostationen und Polizeiarbeit sowie dem alltäglichem Leben entsteht eine Atmosphäre, die zunehmend von Unsicherheit geprägt ist.

Sehr gelungen ist die ruhige und beobachtende Erzählweise. Die Handlung entwickelt sich langsam, aber konsequent und die Spannung entsteht weniger aus Action als aus Zweifeln und neuen Informationen. Genau diese Unsicherheit trägt den Roman und macht ihn interessant.

Allerdings ist das auch der Punkt, an dem sich die Wirkung scheiden kann. Wer einen klassischen Thriller mit klarer Struktur und deutlicher Auflösung erwartet, könnte enttäuscht sein. Die Figuren bleiben teilweise distanziert und vieles wird eher angedeutet als eindeutig geklärt. Das sollte man wissen, aber mich hat dieser Roman trotzdem abgeholt und hat mir ganz gut gefallen.

Insgesamt ist „Die Tote von Sant Andreu“ ein ruhiger und psychologisch geprägter Roman. Er behandelt Identität sowie Radikalisierung und die Unsicherheit von Wahrheit. Keine einfache oder leichte Geschichte, sondern eine, die vor allem durch ihre Entwicklung und die schrittweise Verschiebung von Gewissheiten wirkt. 📚✨

Buchinformation
Die Tote von Sant Andreu
Peter Henning
Transit
2016
ca. 176 Seiten


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