Was der Morgen bringt

Eva Ibbotsons „Was der Morgen bringt“ ist ein eindrucksvoller Liebesroman. Die Geschichte beginnt im Wien des Jahres 1938 und führt uns in eine Epoche, die sich im dramatischen Umbruch befindet. Die Autorin verknüpft historische Realität mit fiktionalen Elementen und erschafft eine Erzählung, die emotional berührt, aber leider nicht immer die notwendige Tiefe erreicht. Obwohl der Zweite Weltkrieg nur als Hintergrundrauschen fungiert, bietet der Roman – wenn auch nur oberflächlich – einen Einblick in die gesellschaftlichen Spannungen und persönlichen Schicksale dieser Zeit.

Wir befinden uns an der Schwelle eines Europas, das kurz vor dem politischen Zusammenbruch steht. Inmitten dieser Unruhe erlebt unsere junge Protagonistin das Ende ihrer bisherigen Welt. Ihre Flucht scheitert und erst ein Freund der Familie eröffnet ihr durch eine Heirat den Weg nach England. Diese Verbindung, zunächst lediglich als Schutzmaßnahme gedacht, wird zum Ausgangspunkt eines feingliedrigen Spiels aus Nähe und Zurückhaltung.

Unausgesprochene Gefühle durchziehen die Beziehung und der Autorin gelingt es, diese fragile Dynamik mit großer Sensibilität auszuarbeiten. Zugleich stellt der Roman die Frage nach gesellschaftlichen Normen und nach der Bedeutung von Liebe in in Krisenzeiten.

Das thematische Spektrum der Liebe wirkt wie ein leiser Kontrapunkt, der den Hauptstrang begleitet und den Roman erweitert. Liebe erscheint dabei als moralische Haltung, als Rettungsanker und als Möglichkeit zur Neuorientierung in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist.

Die Autorin zeichnet Orte, die gleichermaßen von Verlust wie von Hoffnung geprägt sind. Der historische Umbruch bleibt spürbar, ohne dass der Roman in dokumentarische Schwere verfällt. Stattdessen richtet er den Blick auf das Menschliche, das Zwischenmenschliche und die zarten Nuancen der Zuneigung. Die Figuren bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen Pflicht und Gefühl. Aber auch zwischen äußeren Zwängen und innerer Freiheit.

Dennoch lässt sich nicht übersehen, dass manches zu weich gezeichnet wirkt. Die Konflikte bleiben oft zurückhaltend und die Charaktere idealisiert. Die Dramaturgie ist eher vorhersehbar und alle Personen bleiben blass und farblos. Gerade im Licht des historischen Kontexts könnte die insgesamt harmonische Grundstimmung viel zu mild erscheinen.

Trotzdem liegt in dieser Zurückhaltung eine eigene Stärke. Der Roman entfaltet einen ruhigen und fließenden Erzählrhythmus. So werden wir Lesende durch die Kapitel getragen und auch die Sprache ist klar. Das Werk erinnert mich daran, dass es in dunklen Zeiten gerade die kleinen Gesten und unscheinbaren Menschen sind, die das Licht bewahren.

Eva Ibbotson komponiert hier eine Geschichte, die weniger durch äußere Dramatik als durch stille Menschlichkeit überzeugt. Was der Morgen bringt ist ein literarisches Mosaik aus Liebe, Verlust, Hoffnung und Neubeginn. Es ist also ein Roman, der trotz seiner Tendenz zum Idealisieren ein berührendes Bild von Mitgefühl und Zusammenhalt zeichnet. Ein wohltuender und warmherziger Text, der die Bedeutung von Liebe und Güte in einer herausfordernden Welt reflektiert. Der Roman erschien erstmals 1993 im Original (The Morning Gift) und wurde 2006 erstmals auf Deutsch als Die Morgengabe veröffentlicht. 2025 legt der Kampa Verlag nun eine Neuauflage unter dem Titel Was der Morgen bringt vor. 📚✨

Buchinformation
Was der Morgen bringt
Eva Ibbotson
Kampa Verlag
2025
ca. 464 Seiten


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