Das Hotel New Hampshire

Nachdem ich bereits Owen Meany mit großer Begeisterung gelesen habe, waren meine Erwartungen an Das Hotel New Hampshire entsprechend hoch. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Im Zentrum unseres Buches steht eine Familiegeschichte, deren Leben sich immer wieder um Hotels dreht. Also um Orte des Übergangs, des Ankommens und Verschwindens. Von Neuengland über Wien und zurück nach Amerika spannt sich der erzählerische Bogen. Hier werden private Schicksale mit gesellschaftlichen Spannungen, politischen Untertönen und den Zumutungen einer unsicheren Welt verknüpft. Terror, sexuelle Tabus, Tod und Scheitern stehen neben Momenten zärtlicher Nähe, groteskem Humor und fast trotzigem Optimismus.

Die Handlung springt zwischen Jahren, Ländern und Perspektiven. Der Roman verlangt Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich auch einzulassen. Erst dann entfalten sich die erzählerische Dichte sowie die eigenwillige und kraftvolle Sprache in ihrer ganzen Wirkung. Es ist ein Buch, das stellenweise komisch ist, dann wieder schmerzhaft direkt, beinahe sentimental und doch stets von einer unverwechselbaren Handschrift geprägt. Die drastischen Ereignisse wirken dabei nie bloß sensationell, sondern sind eingebettet in ein größeres Nachdenken über Überleben, Herkunft und Identität.

Besonders gelungen ist die Zeichnung der Figuren. Sie sind schrullig, verletzlich und manchmal verstörend. Aber immer glaubwürdig in ihrer inneren Logik. Ihre Entscheidungen erscheinen nicht immer moralisch eindeutig, doch sie sind menschlich nachvollziehbar. Themen wie Familie, Loyalität, sexuelle Selbstbestimmung und der Umgang mit Trauma ziehen sich konsequent durch das gesamte Werk. Gerade in den Brüchen und Widersprüchen entfaltet sich die emotionale Kraft des Romans.

Allerdings bringt Irvings erzählerische Fülle auch Schwächen mit sich. Die Vielzahl an tragischen wie grotesken Ereignissen kann stellenweise überladen wirken. Manche Motive scheinen bewusst übersteigert, nicht jede Episode fügt sich harmonisch in das Gesamtbild ein. Auch die Mischung aus schwarzem Humor und drastischen Themen erfordert eine gewisse Toleranz gegenüber literarischer Grenzüberschreitung.

Insgesamt ist „Das Hotel New Hampshire“ jedoch ein eindrucksvoller Roman, der Mut zur Übertreibung und zum Tabubruch beweist. Man sollte bereit sein, sich auf eine intensive, manchmal verstörende, aber stets engagierte Erzählweise einzulassen. Wer Familiengeschichten mit existenzieller Tiefe und ungewöhnlichen Figuren schätzt, könnte hier mit diesem Werk viel Spaß haben.

Es ist ein ernster und zugleich grotesk-komischer Roman. Kein leichtes Buch, aber eines, das lange nachhallt. Die Geschichte zieht einen hinein in ihre schillernde, chaotische Welt und lässt einen so schnell nicht wieder los. Ein literarisches Wagnis und für mich ein schönes Leseerlebnis mit einer ordentlichen Prise schwarzen Humor.

Buchinformation
Das Hotel New Hampshire
John Irving
Diogenes
1984
ca. 608 Seiten


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