Garten der Engel

Schon zu Beginn war ich mir bei diesem Buch nicht ganz sicher, was mich erwarten würde. Der Titel Garten der Engel von David Hewson klingt fast poetisch und ruhig. Aber dahinter verbirgt sich eine düstere und schwere Geschichte. Bücher aus diesem Zeitabschnitt mag ich eigentlich nicht wirklich und deshalb fällt es mir schwer, mich auf solche Themen einzulassen. Doch obwohl das Thema nicht meinem Geschmack entspricht, hat das Buch einen ganz eigenen Sog entwickelt. Am Ende hat mich der Roman viel stärker gefesselt, als ich erwartet hätte.

Die Geschichte spielt größtenteils im Jahr 1943 im besetzten Venedig während des Zweiten Weltkriegs. Im Mittelpunkt steht ein junger Venezianer und versucht die Seidenwerkstatt seiner Familie zu retten. Wobei er auch ein möglichst ruhiges Leben führen will. Doch in einer Zeit voller Angst sowie Kontrolle und Misstrauen ist ein normales Leben kaum möglich. Schritt für Schritt wird er in Ereignisse hineingezogen und zwingen ihn Entscheidungen zu treffen, die weit über seinen eigenen Alltag hinausgehen.

Parallel gibt es einen zweiten Handlungsstrang in der Gegenwart, der die Vergangenheit aufgreift und nach und nach neue Zusammenhänge enthüllt. Dieser Teil liefert zusätzliche Perspektiven und ist dabei nicht so spannend, aber er reflektiert die Hauptgeschichte und schafft ein gewisses Gleichgewicht. Ich muss aber dazu sagen, dass gerade diese Verbindungen zwischen den Zeiten für mich den größten Reiz ausgemacht haben.

Besonders beeindruckt hat mich dabei, wie der Roman zeigt, was Menschen alles tun oder nicht tun um zu überleben. Unser Protagonist möchte zunächst vor allem eines: keinen Ärger bekommen und unauffällig bleiben. Was gar nicht so einfach ist weil in Zeiten von Krieg und Gefahr denken viele Menschen zuerst an ihre eigene Sicherheit. Als er aber Verantwortung übernimmt und zwei Geschwister aufnimmt, verändert sich seine Situation. Die beiden kämpfen als Partisanen gegen die Besatzung. Dadurch steht er vor einer schwierigen Frage: Reicht es nur zu überleben oder hat man auch Verantwortung für andere?

Gerade dieser moralische Konflikt macht die Geschichte so spannend. Einige Figuren entscheiden sich für Widerstand und riskieren ihr Leben für ihre Überzeugungen. Andere wiederum versuchen, sich anzupassen und möglichst unsichtbar zu bleiben. Das Buch zeigt eindrucksvoll, wie schwer solche Entscheidungen sein können. Wie sehr Angst und Hoffnung aber auch Verantwortung miteinander verbunden sind. Überleben bedeutet hier nicht nur, körperlich durch den Krieg zu kommen, sondern auch mit den eigenen Entscheidungen leben zu müssen.

Sehr gelungen fand ich auch die Atmosphäre des Romans. Die engen Gassen, die stillen Kanäle und die ständige Angst vor Verrat werden so lebendig beschrieben, dass man sich als Leser direkt in diese Zeit hineinversetzt fühlt. Gleichzeitig gibt es immer wieder Momente von Freundschaft und Mut. Aber auch von Liebe und sogar einer gleichgeschlechtlichen Beziehung, die zeigen, dass auch in den dunkelsten Zeiten Menschlichkeit und Zuneigung in den unterschiedlichsten Formen existieren können.

Allerdings gibt es auch Kritikpunkte. Das Ende wirkt vorhersehbar und bietet kaum Überraschungen. Einige Figuren bleiben flach und ihre Handlungen erscheinen manchmal unlogisch oder konstruiert. Auch der zweite Handlungsstrang wirkt stellenweise langsamer und weniger emotional. Etwas mehr tiefe hätte dem Roman meiner Meinung nach nicht schaden können.

Insgesamt ist Garten der Engel ein guter historischer Roman mit emotionaler Tiefe. Er regt zum Nachdenken über Verantwortung sowie Mut und die Grenzen des Überlebens an. Dabei verdeutlicht er, dass auch gewöhnliche Menschen in außergewöhnlichen Zeiten zu außergewöhnlichen Entscheidungen gezwungen werden können. Trotz kleiner Schwächen ist der Roman eine klare Empfehlung. Wer gerne atmosphärische sowie spannende und nachdenkliche Geschichten schätzt, wird hier sicher fündig. 📚✨

Buchinformation
Garten der Engel
David Hewson
Folio verlag
2023
ca. 384 Seiten


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