Babel

R. F. Kuangs „Babel“ ist eines dieser Bücher, bei denen ich nach dem Lesen nicht verstehen kann, warum es von vielen Lesern gefeiert wird. Die Grundidee ist außergewöhnlich und auch das historische Setting bietet viel Potenzial. Trotzdem hat mich der Roman am Ende vor allem enttäuscht. Für mich ist „Babel“ tatsächlich das zweitschlechteste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe.

Die Geschichte spielt im Oxford des 19. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt steht unser Protagonist, der nach England gebracht und dort für ein Studium in Oxford ausgebildet wird. Gemeinsam mit anderen Studenten beschäftigt er sich mit Sprachen sowie den Übersetzungen und der geheimnisvollen Macht von Silber. Genau diese Idee ist für mich auch die größte Stärke des Romans. Die Verbindung von Sprache und Magie ist originell und stellenweise wirklich faszinierend. Man merkt der Autorin an, dass sie sich intensiv mit Linguistik und Übersetzung sowie der Geschichte des britischen Empire beschäftigt hat.

Auch die Atmosphäre von Oxford funktioniert zunächst sehr gut. Die Universität, die Bibliotheken und das Gefühl, Teil einer abgeschotteten Elite zu sein, schaffen ein gelungenes Setting. Leider konnte mich die Geschichte mit zunehmender Seitenzahl immer weniger überzeugen.

Das größte Problem ist für mich die Art, wie die Autorin ihre politischen und gesellschaftlichen Themen vermittelt. Rassismus sowie Kolonialismus und Imperialismus sind wichtige Themen und hätten in diesem historischen Setting gut funktionieren können. Stattdessen hatte ich zunehmend das Gefühl, dass mir die Botschaft immer wieder erklärt und vorgegeben wird.

Was mich besonders gestört hat, ist die fehlende Differenzierung. Viele Figuren wirken weniger wie eigenständige Menschen mit unterschiedlichen Motiven, sondern eher wie Vertreter bestimmter Positionen. Dadurch verlieren die Konflikte für mich an Glaubwürdigkeit. Ich hätte mir mehr Ambivalenz und vor allem mehr Vertrauen in den Leser gewünscht.

Besonders problematisch fand ich für mich die teilweise sehr pauschale Darstellung verschiedener Länder und Bevölkerungsgruppen. Dadurch wirkte manches auf mich eher polemisch als differenziert. Gerade bei einem Roman, der sich so intensiv mit Kolonialismus und gesellschaftlichen Machtverhältnissen beschäftigt, hätte ich mir mehr Nuancen und unterschiedliche Perspektiven gewünscht.

Gerade hier liegt für mich ein entscheidender Unterschied zu Romanen, die gesellschaftliche Themen wirklich gut vermitteln. Wenn ein Buch seine Themen durch die Handlung und die Entscheidungen seiner Figuren erfahrbar macht, entsteht Raum für eigene Gedanken. Bei „Babel“ hatte ich dagegen häufig das Gefühl, dass der Roman mir bereits erklärt, was ich über eine Szene oder einen historischen Zusammenhang denken soll.

Dazu kommen zahlreiche Erklärungen und lange Passagen über Sprache sowie Geschichte und politische Zusammenhänge. Was anfangs noch interessant ist, wird irgendwann anstrengend. Die Geschichte kommt immer wieder ins Stocken und wirkt dadurch stellenweise eher wie eine historische Abhandlung als ein Roman.

Auch die Charaktere konnten mich nicht wirklich erreichen. Ich habe ihre Entwicklung zwar verfolgt, emotional blieb vieles für mich jedoch erstaunlich weit entfernt. Gerade bei einem Roman dieser Länge hätte ich mir Figuren gewünscht, die mich stärker berühren oder nachhaltig beschäftigen.

Dabei hätte das Buch durchaus das Potenzial gehabt. Das Magiesystem ist ungewöhnlich und die Grundidee ist stark. Auch die Verbindung von Sprache und Macht finde ich grundsätzlich spannend. Genau deshalb ist es für mich umso enttäuschender, dass mich die Umsetzung so wenig überzeugen konnte.

Am Ende bleibt bei mir vor allem der Eindruck eines sehr ambitionierten Buches, das unbedingt etwas sagen möchte – dabei aber für meinen Geschmack viel zu oft vergisst, eine Geschichte zu erzählen. Die politischen Botschaften stehen für mich so stark im Vordergrund, dass Handlung, Figuren und Lesefluss darunter leiden.

Ich kann nachvollziehen, warum „Babel“ bei vielen Lesern so gut ankommt. Wer sich intensiv mit Kolonialismus, Sprache, Macht und historischen Zusammenhängen beschäftigen möchte und einen sehr deutlichen politischen Standpunkt in einem Roman schätzt, wird hier vermutlich viel finden. Für mich persönlich war die Lektüre dagegen unangenehm und zunehmend mühsam.

Das interessante Magiesystem und das Oxford-Setting reichen für mich nicht aus, um die vielen Schwächen auszugleichen. Nach über 700 Seiten war ich deshalb vor allem froh, das Buch beendet zu haben. Ein weiteres Buch von R. F. Kuang werde ich nach dieser Lektüre definitiv nicht kaufen. 📚✨

★ ★ ★ ★ ★

Buchinformation
Babel
R.F. Kuang
Eichborn
2023
ca. 736 Seiten


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